Ein steiniger Weg

Aktualisiert: Aug 24

Dr. Angelika Trabert: Wegbereiterin des deutschen Para-Dressursports


Wenn sie als Kind in der Reitstunde vom Pferd fällt, bricht für Angelika Trabert eine kleine Welt zusammen. Nicht weil sie Angst hat wieder aufzusitzen – nichts würde sie lieber tun! – meist auch nicht, weil sie sich weh getan hat, sondern weil sie weiß, dass man sie in dieser Reitschule wahrscheinlich nicht wieder aufs Pferd lassen wird.


„Das war damals sehr schwierig, weil mich keiner wollte. Aus versicherungstechnischen Gründen, wie es immer so schön hieß, wollte man mich nicht haben. Ist zu gefährlich. Da haben wir keine Versicherung für. Nur auf eigene Gefahr. Wir haben keine passenden Pferde.“


Der Knackpunkt? Angelika hat keine Beine und eine Fehlbildung der rechten Hand.

Angelika Trabert die im Rollstuhl sitzend ihrem Pferd D'Agustina die Trense abnimmt. Geli hat Reitkleidung und Reithelm an. Sie trägt keine Prothesen, sodass man sieht, dass Geli keine Beine hat.

Dysmelie

Angeborene Fehlbildungen von Armen, Händen, Beinen oder Füßen werden unter dem medizinischen Fachbegriff Dysmelie zusammengefasst. Eine Dysmelie ist also eine Entwicklungsstörung der Gliedmaßen während der Schwangerschaft und kann in unterschiedlichster Form auftreten: Vom Fehlen eines einzelnen Fingers bis hin zum kompletten Fehlen von Armen und/oder Beinen (Amelie). So vielfältig wie die Arten der Fehlbildungen sind auch deren Ursachen. Der bekannteste Auslöser ist wohl das Arzneimittel Thalidomid, welches in den 60er Jahren zum Contergan-Skandal führte. In den meisten Fällen lässt sich aber nicht genau sagen, was die Dysmelie verursacht hat.

Wie Winnetou und Iltschi


Mit ihrem Großonkel sitzt sie vor dem Fernseher und sieht fasziniert zu wie Winnetou und Old Shatterhand mit ihren Pferden durch die Weite des wilden Westens ziehen.


„Das hat mich einfach so fasziniert […] und da ich mich mit Prothesen auch längst nicht so frei bewegen kann, wie mir das auf dem Pferd vorkam, war das für mich etwas, was ich immer machen wollte. Letztendlich habe ich meinen Eltern, ich komme aus einer Nicht-Reiter-Familie, einfach keine Ruhe gelassen und mit sechs Jahren durfte ich dann endlich Ponyreiten.“


Geli reitet mit ihrem Pferd D'Agustina zum Reitplatz.

Frei sein wie ein Indianer. Normal sein wie alle anderen Pferdeverrückten Mädchen in ihrem Alter.


„Ich wollte nicht als die gelten, die immer Hilfe braucht, sondern ich wollte das so normal wie möglich machen.

[…] Unabhängigkeit ist für mich ein großes Thema und ich habe immer schon versucht alles selbst machen zu können. Das heißt nicht, dass man nicht Hilfe annehmen kann, aber es heißt eben doch, dass man sich was sucht, dass wenn man keine entsprechende Hilfe hat, man es eben auch selbst hinbekommt.“


Einem Mädchen ohne Beine das Reiten beibringen? Sich überlegen, wie es gehen könnte? Dieser Aufgabe fühlt man sich in vielen Reitschulen Mitte der 70er noch nicht gewachsen. Erste richtige Unterstützung finden Angelika und ihre Eltern beim wenige Jahre zuvor gegründeten Kuratorium für Therapeutisches Reiten. Die Hippotherapie bietet ihr den ersten Einstieg. Ihr eigener Weg seither untrennbar verbunden mit der Entwicklung des Para-Dressursports in Deutschland.


„Ich hatte das Glück, dass ich mit dem Sport groß geworden bin. Das ist heutzutage ganz, ganz anders. Heutzutage muss man auf einem ganz anderen Niveau einsteigen. Ich hatte natürlich auch Glück als wir umgestiegen sind von Leihpferden […] auf eigene Pferde, dass ich dann ein Pferd hatte, was dafür geeignet war, mit dem ich aufs Turnier gehen und auch an der Weltmeisterschaft ’99 in Dänemark teilnehmen konnte. Ja, da hat sich schon vieles gefügt, dass das so oft geklappt hat und ich so oft zur deutschen Equipe gehört hab.“



Losgelassen


Bevor Angelika aber ihre ersten Medaillen für Deutschland gewinnen kann, musste sie lernen, dass mit Prothesen zu reiten für sie ein größeres Handicap ist als ohne Beine im Sattel zu sitzen.

„Ich bin immer mit Prothesen geritten. War für mich auch extrem wichtig, weil ich eben unbedingt auch absteigen und das Pferd selber fertig machen wollte. […] Ich war in den Ferien häufig bei Pfarrer von Dietze in Nieder-Moos reiten […] und dieser hat mir damals schon gesagt, ‚Für die Einwirkung wäre es schon besser du würdest ohne Prothesen reiten‘. Wollte ich aber nicht.“


Bei einem Aufenthalt in den USA ist sie dann schließlich gezwungen es doch mal zu probieren. Michelle Price, die Tochter ihrer Gastfamilie hatte ihr rechtes Bein mit acht Jahren durch Knochenkrebs verloren. Um ihren sensiblen Araber Wallach Prince reiten zu können, verzichtete sie im Sattel auf ihre Prothese. Michelle bittet Angelika es ihr gleich zu tun und so muss diese sich entscheiden: Prothesen oder Reiten.


„Dann hab‘ ich die Prothesen ausgezogen […] und musste feststellen, wie wunderbar das ist, weil jetzt mal nichts scheuert […], sondern man tatsächlich einfach erstmal auf dem Pferd sitzt. Das war eine ganz, ganz tolle Erfahrung, sodass ich mich nach dieser Zeit bei ihr entschlossen habe, dass ich das Zuhause auch gerne weitermachen möchte.“


Geli in ihrem Spezialsattel für Reiter ohne Beine.

Das Kinderklo


Ohne Prothesen zu reiten bedeutet, dass sie nun einen auf sie angepassten Sattel braucht. Keine einfache Aufgabe wie sich herausstellt.


„Die Schwierigkeit besteht bei mir nicht nur in meinem Handicap, sondern darin, dass mein Schwerpunkt so hoch ist. Da ist es nicht ganz einfach den Sattel ruhig aufs Pferd zu bekommen. […] Dadurch ist es schon ein bisschen eine Tüftelei.“


Ihren ersten Spezialsattel entwickelt sie zusammen mit Pfarrer Gottfried von Dietze, dem Gründungsvorsitzenden des Kuratoriums für Therapeutisches Reiten, und der Sattlerei Völzing aus Gießen. Dieser Sattel hat zwei Hörner, die dem Damensattel nachempfunden sind und ihr nach vorne halten geben, sowie Pauschen, auf welche sie sich nach unten hin abstützen kann. Die Idee ist zunächst gut, …


Aber was sich mit der Zeit halt eben herauskristallisiert hat ist, dass wenn man sich selbst unter so ein Horn klemmt, dass man im Bauch, wo man eigentlich lang werden sollte, eher die Muskulatur verkürzt; was im Falle eines Falles […] eigentlich der falsche Effekt ist.“


So heißt es weiter tüfteln, überlegen, ausprobieren. Erst hilft man Angelika bei der Sattlerei Henning ihren Sattel weiter anzupassen. Letztendlich fertigt man ihr dann bei Passier einen komplett neuen Sattel. Das Design mit seiner umlaufenden Pausche, den zwei breiten und zwei schmalen Gurten ist nun optimal auf Angelika angepasst. Besonders raffiniert sind die auf Hüfthöhe verlaufenden schmalen Gurte, welche gleichzeitig vorne zu einem Halteriemen zusammenlaufen. Zieht Angelika an diesem Halterriemen, zurren sich auch die Gurte auf Hüfthöhe fest. Lässt sie den Halteriemen los, kann sie sich in einer brenzligen Situation, aber genauso schnell auch vom Pferd lösen. Inzwischen ist der Sattel gut 20 Jahre alt.


„Deswegen nenne ich ihn mittlerweile das ‚Kinderklo‘, weil er so alt ist und auf so vielen Pferden gelegen hat. Aber ich liebe ihn heiß und innig, auch wenn ich mittlerweile das Gefühl habe, dass ich tatsächlich mal einen neuen bräuchte, weil er mit dem Polstern einfach nicht mehr dahin zu kriegen ist, wo er denn hin sollte. […]

Wenn ich jetzt einen neuen Sattel wollte… Ja, der Weg ist nicht ganz einfach, weil es wenige Menschen gibt, die diese tatsächlich so bauen können […], dass er für einen Normalsterblichen bezahlbar ist. Und es sind sehr viele Arbeitsstunden, die da ins Land gehen für den entsprechenden Sattler. Es muss also auch jemand sein, der da schon Spaß und Lust an so einer Entwicklung hat.“


(Falls das nun ein interessierter Sattler liest, gerne den Hörer in die Hand nehmen oder in die Tasten hauen und bei Angelika melden.)


Gelis Gertenhalter für die rechte Hand mit Gerte drin.

Ihre fehlenden Beine ersetzt Angelika durch zwei Gerten. Da sie an der rechten Hand nur zwei Finger und Daumen ohne Mittelgelenke hat, kann sie nur schwer Gerte und Zügel zusammen festhalten. 2002 baut ihr Marc Coumans einen Gertenhalter für die rechte Hand. Marc ist ein guter Freund und Flugzeugmechaniker. Den Gertenhalter baut er aus einem extra leichten, aber stabilen Kunststoff, wie er auch im Flugzeugbau verwendet wird.


„Also die Gerte stecke ich in den Gertenhalter rein. Der liegt auf meiner Hand obendrauf und ist wie so ein Köcher, […] heißt aber auch, dass ich nur eine bestimmte Gerte habe, die da reingeht. Drama ist, wenn diese Gerte weg ist. Das ist mir tatsächlich letztens so gegangen. Dann saß ich auf dem Pferd, auf dem Turnier […] und wir hatten die falsche Gerte dabei. […] da fühlt man sich tatsächlich behindert, weil dann sitzt man auf dem Pferd und hat nur eine funktionierende Gerte. Heißt auch, man hat dann eben nur ein Bein!“



Chancen gegeben, Chancen verwehrt


„Das Handicap fängt im Kopf an und wenn man im Kopf kein Handicap hat, dann kann einen das körperliche Handicap auch nicht abhalten.“


Als Kind traut sich keiner ihr das Reiten beizubringen. Mit Mitte 40 ist Angelika mehrfache Medaillengewinnerin, im Regelsport bis Klasse S gestartet, bei Apassionata und Horses & Dreams im Showbild mitgeritten, war auf der EQUITANA bei Uta Gräf dabei und durfte bei Manolo Oliva in Spanien lernen, wie sich Piaffe und Passage anfühlen.


„Ich finde es ist immer wichtig über den Tellerrand zu schauen, egal auch in welcher Reitweise, weil aus jeder kann ich mir was raussuchen, was für mich passt und was für das Pferd passt. Und davon profitiere ich bei jedem weiteren Pferd, was ich habe, was ich reiten darf, was ich mit ausbilden darf für mich.“


Nach und nach erfährt der Para-Dressursport mehr Anerkennung und wird 2006 offiziell als achte Disziplin von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) aufgenommen. Im selben Jahr sind die Weltreiterspiele in Aachen geplant und so hoffen viele deutsche Para-Dressurreiter auf eine Weltmeisterschaft im eigenen Land. Umso größer die Enttäuschung als aus Aachen die Absage kommt.


„Ich finde es bis heute noch traurig. Ich finde es bis heute – ja, eigentlich beschämend, dass es Deutschland nicht geschafft hat sich dazu durchzuringen und einfach zu sagen: ‚Ja, wir machen das!‘.“


So bleiben die Para-Dressurreiter weiter unter sich und werden erst 2010 bei den Weltreiterspielen in Lexington, Kentucky miteingebunden. Ein erster Schritt in Richtung Gleichberechtigung im Pferdesport.

„Ich glaube, der Weg ist noch sehr lang. Ich glaube auch, dass er nur langsam geht und dass wir als Menschen mit Handicap extrem gefordert sind, Menschen ohne Handicap zu inkludieren. Weil ich glaube, wenn wir es nicht vorleben und wenn wir es nicht zeigen, von der anderen Seite wird es nicht kommen. Ich würde mir aber wünschen, dass die Menschen, die uns begegnen offen genug sind sich auf Dinge einzulassen, damit wir es ihnen überhaupt zeigen können, dass es funktioniert.“


Gerade bei den Paralympics kann man genau das sehen. Sehen, dass es funktionert. Spätestens seit den Spielen in London 2012 und dem großen Erfolg des Dokumentarfilms „Phoenix Rising“ von Ian Bonhôte und Peter Ettedgui im vergangenen Jahr steigt das mediale Interesse an Athleten mit Behinderung.


„Die Paralympics sind einfach eine Riesenveranstaltung und für uns auch, glaube ich, eine sehr gute Plattform, um für uns, unseren Sport und ‚Diversity‘ in der Gesellschaft […] zu werben. Aber es muss eben so langsam, aber sicher auch über die Paralympics hinausgehen.“


Denn Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft gibt es nicht nur alle vier Jahre bei den Paralympics.



Paralympics ohne Geli?


Bei den Paralympics 1996 in Atlanta wird Para-Dressur zur paralympischen Disziplin. Zusammen mit Birgit Dreiszis, Doris Campo-Bitzer, Stefan Kleekamm und Daniela Boden geht Angelika für Deutschland an den Start. Damals noch auf Leihpferden! Zwei Silbermedaillen bringt sie aus Atlanta mit nach Hause.

Es folgen Sydney, Athen, Hong Kong und London. Angelika immer dabei! Auch 2016 in Rio, als sie erstmals nicht Teil der deutschen Equipe ist, engagiert sie sich als National Technical Official; kümmert sich vor allem darum die Reiter nach ihren Ritten in die „Mixed Zone“ zur Presse zu begleiten. Paralmypics ohne „Geli“? Unvorstellbar!

Und doch wird es in Tokio so sein. Auf Grund der Pandemie hat man die Anzahl der Helfer drastisch reduziert. Auch in ihrer Rolle als FEI Athletensprecherin darf sie nicht vor Ort sein. Mit ihrer Stute D’Agustina hat sie es zwar auf die Longlist geschafft, aber für einen Platz im Team hat es dann doch noch nicht gereicht.


„Ich finde es toll, dass man uns schon so viel zugetraut hat, aber es war eigentlich abzusehen, dass das für die Stute noch zu viel ist. Wir haben andere gute Reiter.“


Geli mir ihrem Pferd D'Agustina bei einer Para-Dressurprüfung.

Seit einem Jahr sind Angelika und D’Agustina ein Team und können sich bereits auf einigen internationalen Turnieren präsentieren.


„Das Turnier in Belgien war, das erste internationale Turnier, wo sie mit einem Amateur auf dem Rücken lief. Amateur in der Hinsicht als dass ich natürlich viel, viel weniger starke Einwirkung habe, das heißt sie muss einfach umlernen. Sie muss von viel ganz klarer Hilfengebung mit Bein und so weiter umlernen und sie muss viel mehr Verantwortung übernehmen. Das ist ein Weg, der bei einem Pferd mitunter mal eine Weile dauern kann. […]

Sie muss verstehen und lernen, dass man trotzdem noch mir zuhört und wenn eine Gerte da liegt, dass das eben jetzt mein Bein ist.“


D’Agustina ist erst sieben. Eigentlich hatte Angelika nach einem etwas älteren Pferd mit mehr Erfahrung gesucht. Um international mithalten zu können, reicht es im Para-Dressursport schon länger nicht mehr nur ein braves Pferd zu haben. Es muss auch das nötige Talent mitbringen. Ein solches Pferd ist teuer und Sponsoren im Para-Sport rar.


„Ich bin aber sehr, sehr froh, dass mir eben dieses Pferd […], das vom DOKR mitfinanziert wurde, zur Verfügung steht bzw. ein Teil davon ist auch mir. Das ist jetzt mal ein Beispiel dafür, dass wir uns vielleicht auf einem Weg befinden, wo auch solche Dinge häufiger mal möglich sind, dass auch im Para-Sport eine Unterstützung stattfindet.“


Angelikas nächstes Ziel mit D’Agustina ist die Weltmeisterschaft der Para-Dressurreiter 2022 im dänischen Herning. Und dass sie 2024 in Paris bei den Paralympics wieder dabei sein wird, steht wohl schon jetzt außer Frage. Am liebsten natürlich als Teil der deutschen Equipe, aber auch sonst gibt es wenig, was Angelika davon abhält sich für ihren Sport einzusetzen. Paralympics ohne Geli? Unvorstellbar!

Athletenprofil von Dr. Angelika Trabert; Geburtsjahr: 1967; Handicap: Dysmelie der Beine und rechten Hand; Kompensatorische Hilfsmittel: Spezialsattel; zwei Gerten (Gertenhalter für die rechte Hand); Stimme; Kombizügel für das Reiten auf Kandare; Para-Equestrian-Disziplin: Para-Dressur; Startklasse national: Grade 3; Startklasse international: Grade 3; Verein: Reitclub Hofgut Petersau e.V.; Landesverband: Pferdesportverband Rheinland-Pfalz; Kader: Perspektivkader Para-Dressur; Pferd: D’Agustina; Geburtsjahr: 2014; Abstammung: Don Juan de Hus mal Dauphin; Rasse: Hannoveraner; Geschlecht: Stute; Farbe: Dunkelfuchs;

Angelika auf Instagram: @gelitrabert Angelikas Webseite: www.angelika-trabert.de

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