Einmal Pferdemädchen, immer Pferdemädchen

Katharina Evers: Stärker als der Krebs


Ein eigenes Pferd. Der größte Wunsch vieler Mädchen in Katharinas Alter damals. Sie ist 12. Die Nase immer tief in einem Pferdebuch vergraben. Die wöchentliche Reitstunde ein schon fast heiliger Termin. Ein Leben ohne Pferde? Unvorstellbar!

Doch dann kommen diese Schmerzen im rechten Bein. Erst nur bei starker Belastung, dann auch beim Gehen, dann eigentlich immer und immer schlimmer. Die Stelle am Bein wird dick und heiß. Erst als Muskelzerrung verkannt gibt schließlich ein MRT Aufschluss: Knochenkrebs. In Katharinas rechtem Oberschenkelknochen hatte sich ein bösartiger Tumor gebildet.


„Knochenkrebs“ Wie bei jedem Krebs entstehen auch Knochentumore durch entartete Zellen. Was landläufig als Knochenkrebs bezeichnet wird ist meist ein Osteosarkom. Bei Kindern und Jugendlichen tritt dieser bösartige Knochentumor häufig im Bereich der Wachstumsfugen auf, also z.B. im Oberarm nahe dem Ellenbogen oder der Schulter. So ist vor allem während der pubertären Wachstumsphasen die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich ein solcher Tumor bildet.

10 Jahre ohne Pferde

Noch ahnt Keiner was für einen Keil diese Diagnose zwischen Katharina und die Pferde treiben wird, schon gar nicht sie selbst.

„Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich das am Anfang nicht begriffen habe. […] ich bin halt davon ausgegangen, dass wir ins Krankenhaus fahren, dass ich operiert werde und dass ich dann wieder nach Hause fahre und mein Leben weiterlebe. […] als die [Ärzte] mir dann aber irgendwann erzählt haben, was das jetzt bedeutet für mich, was da auf mich zukommt, da habe ich das erste Mal wirklich angefangen zu weinen. Weil dann wurde mir ja auch gesagt, ich würde meine Haare verlieren und das war für mich […] der erste greifbare Fakt, mit dem ich was anfangen konnte.“

Sie wird operiert. Der Oberschenkelknochen, das Knie und Teile des Schienbeins werden durch eine Prothese ersetzt. Danach noch die Chemotherapie durchstehen und dann wird alles wieder gut. So die Hoffnung. Doch Katharina kann ihr neues Knie nur unter großen Schmerzen bewegen. Selbst als die Behandlung abgeschlossen ist und die Wunden längst verheilt, wird es nicht besser. Zwei Jahre dauert es bis festgestellt wird, dass sich das nagelneue Gelenk in ihrem Bein entzündet hat.

Mit 14 liegt sie also ein zweites Mal auf dem OP-Tisch, um ein künstliches Knie zu bekommen. Kurz darauf kehrt auch der Krebs zurück. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlag ins Gesicht: Der Tumor sitzt diesmal im Oberkiefer.


Nun würde man vielleicht erwarten, dass gerade in so einer schweren Zeit die Pferde Katharina ein Trost sind. Ihr vielleicht Kraft geben gegen den Krebs zu kämpfen. Vielleicht, aber auch nur vielleicht. Reine Spekulation, denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Der Gedanke an Pferde und Reiten lassen in der pubertären Katharina keine Glücksgefühle mehr aufkommen. Nur Wehmut und Zweifel.

„Ich war nicht jeden Tag im Stall, aber ich habe mich jeden Tag mit dem Thema beschäftigt. […] und das habe ich dann von heute auf morgen aus meinem Leben gestrichen, weil ich dachte, dass das besser wäre als dem so negativ hinterherzuhängen. […] ich war aber absolut nicht glücklich damit und habe ganz lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass ich die Pferde wieder in meinem Leben haben möchte. Ich habe das halt auch vermieden, weil ich einfach dachte: Das wird nie so sein wie es mal war.“


Über den eigenen Schatten springen

„Ich habe so sehr an mir selbst gezweifelt […] ich dachte: Och Gott, ich kann doch mit Pferden überhaupt nicht wieder arbeiten. Das schaffe ich nicht. Die sind viel zu groß und am Ende passiert nur wieder irgendwas, und dann haben meine Ärzte recht, dass das zu gefährlich ist.“


Wie für viele in ähnlicher Situation führt auch Katharinas Weg zunächst zur Reittherapie. Knappe sechs Monate später, als ihre Therapeutin schwanger wird, rutscht sie in den normalen Reitschulbetrieb. Erst Einzelreitstunde, dann in der Gruppe. Und plötzlich ist die inzwischen 22-jährige Katharina wieder 12 und all‘ die Wünsche und Träume, die sie zehn Jahre zuvor begraben hatte, kommen wieder hoch.

„Ich wollte erst überhaupt nicht mehr als nur mit dem Pferd vom Boden aus tüddeln, weil ich mir mehr auch überhaupt nicht zugetraut habe. Im Endeffekt hat das aber bloß drei Termine gedauert bis meine Reittherapeutin mich dazu überreden konnte mich auch mal auf den Rücken zu setzten […].“



Die Krebserkrankung und die Infektion ihrer ersten Prothese haben Spuren hinterlassen, körperlich wie seelisch. Im Alltag ist Katharina oft mit Krücken unterwegs. Ihre Beine sind nicht mehr gleich lang, weshalb sie rechts eine Schuherhöhung braucht. Arthrose in der Hüfte, eine Fußheber-Schwäche und die eingeschränkte Beweglichkeit ihres künstlichen Knies stellen sie immer wieder vor Herausforderungen. Herausforderungen die sie an sich zweifeln lassen. Doch dass diese Herausforderungen, gar keine unüberwindbaren Hindernisse sind merkt sie als sie zum ersten Mal wieder im Sattel sitzt.

„Es ist nicht egal ob ich eine Behinderung habe oder nicht, aber ich kann reiten. Ich kann eben mit dem Pferd ein Team bilden. Wir können zusammen was schaffen und zwar ohne, dass man von außen direkt sieht, dass ich eine Behinderung habe. […] Und das ist dann eben das, was mir auch soviel Positivität gegeben hat […] und mir dabei geholfen hat meine Behinderung auch im restlichen Teil meines Lebens besser anzunehmen, damit ganz anders umzugehen, ein anderes Selbstbewusstsein zu entwickeln und eben auch ein Selbstvertrauen.“


With a Little Help from My friends

Mit wachsendem Selbstvertrauen wird auch der Wunsch nach einem eigenen Pferd immer größer. Das Schulpony Rose schleicht sich in Katharinas Herz. Am liebsten würde sie die Stute aus dem Reitschulbetrieb rauskaufen. Doch diese verstirbt unerwartet und Katharina ist kurz davor alles wieder an den Nagel zu hängen.

„Zum Glück hatte ich zu dem Zeitpunkt im Stall auch viele Freunde an meiner Seite, die mich an die Hand genommen haben und gesagt haben: Ne, komm', wir gucken jetzt für dich nach einem Pferd.“

Auf dem Einkaufszettel steht eine Stute, um die 160 cm groß und natürlich möglichst brav. Im Warenkorb landet schließlich der 180 cm große Oldenburger Wallach Delight. Ein „Dressur-Professor“ und absolutes Verlass-Pferd wie Katharina schon beim Probereiten feststellt.

„Wir konnten neben dem einen Hocker fallenlassen. Ich konnte meinen Fuß so einfach über seinen Rücken ziehen, ohne dass es ihn gestört hat, weil ich beim Auf- oder Absteigen meinen Fuß nicht so hochnehmen kann […]. Das macht der alles mit, gar kein Problem.“


Beim Kauf ist sie sich aber auch bewusst, dass sie diesem Pferd alleine nicht gerecht werden kann. Glücklicherweise kann sie hier voll und ganz auf ihre Reitbeteiligung Jeanette zählen und noch viele weitere Freunde aus dem Stall, die ihr jederzeit gerne helfen.

„Man muss kein Einzelkämpfer sein. […] Es ist okay, um Hilfe zu bitten und einfach zu fragen, weil man als Team viel weiterkommt und für alle Beteiligten im Idealfall das Leben auch leichter macht […] mittlerweile kann ich Hilfe eigentlich ganz gut annehmen und das ist auch wieder etwas, was mir in anderen Teilen meines Lebens sehr geholfen hat. Dass ich eben auch da um Hilfe fragen kann und es auch tue. Das habe ich halt auch ganz lange nicht gemacht.“


Eine Frage der Perspektive

„Dass man sich erlaubt glücklich zu sein. Dass man sich erlaubt Träume zu haben. Dass man sich erlaubt sich Ziele zu setzten und dem nachzueifern, und dann am besten eben auch - das war auch für mich ganz wichtig - dass man sie eventuell auch erreichen kann. Oder […] man sagt: Okay ich gehe jetzt mal auf den Weg und guck‘ mal wie weit ich komme.“

Die junge Frau, die lange glaubte ihren 18. Geburtstag nicht zu erleben, traut sich wieder Zukunftspläne zu schmieden. Sie möchte nicht nur für sich Reiten, sie möchte ihr Reitabzeichen machen und dann auch auf Turnieren starten.

Um auch hier ihr Handicap mit entsprechenden Hilfsmitteln ausgleichen zu dürfen beantragt sie einen Sportgesundheitspass und lässt sich für den Para-Reitsport klassifizieren.



„Ich bin eingestuft worden in Grade V. Das heißt, ich bin in dem Grade mit den wenigsten Einschränkungen […] und da sind allerdings auch so etwas wie M-Lektionen mit drin. Soweit bin ich definitiv nicht. Also wenn, dann werde ich erstmal im Regelsport einsteigen. Dafür brauche ich meinen Sportgesundheitspass ja auch. Also erstmal ist eine E- oder A-Dressur im Regelsport mein Ziel.“

Der Sportgesundheitspass Um als Sportler mit Behinderung in Para-Prüfungen starten und im Wettkampf sein Handicap mit kompensatorischen Hilfsmitteln ausgleichen zu dürfen, benötigt man den sogenannten Sportgesundheitspass. Nach einer Sporttauglichkeits- und einer Klassifizierungs-Untersuchung wird der Sportler in eine Wettkampfklasse eingestuft und festgelegt welche Hilfsmittel im Wettkampf verwendet werden dürfen. Weitere Informationen zum Sportgesundheitspass erhält man beim Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten


Bei den Pferden hat Katharina ein Stück weit sich selbst wiedergefunden. Genauso wie die Krebserkrankung, wie ihr Handicap, sind sie Teil ihres Lebens. Nichts davon lässt sich einfach so rausstreichen.

„Selbst, wenn ich nicht immer reiten kann, weil es gesundheitlich gerade mal nicht geht, bin ich froh darum, dass ich in den Stall fahren kann, dass ich mich zu meinem Pferd auf die Weide oder in die Box setzten kann und bei den Tieren sein kann. […] egal wie, ich möchte Pferde in meinem Leben behalten.“

Denn einmal Pferdemädchen, immer Pferdemädchen!

Katharina auf Instagram: @ever_weltmitfellnasen

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