Geht nicht, gibt’s nicht!

Aktualisiert: Aug 11

Julia Porzelt: Ohne Beine fest im Sattel.

Am Halleneingang neben der Aufstiegshilfe lehnen zwei Beine in Jeans und Turnschuhen. Es sind Julia Porzelts Prothesen. Wenn die 24-Jährige aus Prien am Chiemsee im Sattel sitzt braucht sie sie nicht, denn Ponystute Dainty bringt schließlich vier gesunde Beine mit.

„Schon von Geburt an habe ich keine Beine, also keine Knie, keine Unterschenkel und keine Füße. Ich trage aber als Kompensation im Alltag zwei Prothesen. Damit komme ich echt gut klar. An jeder Hand habe ich nur drei Finger, mein rechter Ellenbogen ist komplett steif und der Linke ist eingeschränkt bewegbar: Also den kann ich nicht ganz strecken und auch nicht ganz beugen.“


Dysmelie Angeborene Fehlbildungen von Armen, Händen, Beinen oder Füßen werden unter dem medizinischen Fachbegriff Dysmelie zusammengefasst. Eine Dysmelie ist also eine Entwicklungsstörung der Gliedmaßen während der Schwangerschaft und kann in unterschiedlichster Form auftreten: Vom Fehlen eines einzelnen Fingers bis hin zum kompletten Fehlen von Armen und/oder Beinen (Amelie). So vielfältig wie die Arten der Fehlbildungen sind auch deren Ursachen. Der bekannteste Auslöser ist wohl das Arzneimittels Thalidomid, welches in den 60er Jahren zum Contergan-Skandal führte. In den meisten Fällen lässt sich aber nicht genau sagen, was die Dysmelie verursacht hat.

Keine Beine? Kein Problem!

Die Frage ist nicht ob, sondern wie: Wenn Julia sich etwas vornimmt, dann kämpft sie bis es klappt. Immer auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein ist nichts für sie.

„Geht nicht, gibt’s einfach nicht. Es geht schon irgendwie. Selbst wenn’s anders ausschaut oder länger dauert, man kriegt das dann schon auf die Reihe auch wenn man eine Einschränkung hat. [...] Hilfe annehmen ist kein Problem, darf man natürlich, aber man sollte auch schon dafür kämpfen, dass man seinen Alltag und sein Leben auch alleine auf die Reihe bringt. Weil man sich dadurch einfach viel freier fühlt.“



Das Pony und der Große

Angefangen hat alles mit einem Shetty im Garten von Familienfreunden. Schnell steht für Julia fest: Sie möchte unbedingt reiten lernen! So ging es dann erstmal zur Hippotherapie und über die Reittherapie dann schließlich in den Leistungssport.

„Dann durfte ich auf unserer braven, ziemlich alten Haflingerstute bei uns hier ein Turnier mitreiten. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen und dann stand für mich im Endeffekt fest, dass ich ein eigenes Pferd möchte und mit dem auch Turniere starten will. Und dann ist 2013 die Dainty bei mir eingezogen und mit der bin ich auch gleich Turniermäßig durchgestartet.“

Und das so richtig: Noch im selben Jahr werden Julia und Dainty in München Bayerische Vize-Meister und im Folgejahr sichern sie sich dann den Titel. Die Erfolgsbilanz der beiden heute: Vier Bayerische Meistertitel (2014, 2016, 2017, 2019), ein Championats-Sieg bei den Deutschen Meisterschaften (2016) und diverse nationale und internationale Platzierungen.

„Mein Pony ist einfach das beste Pony, das man so haben kann! Mit der kann man halt alles machen. Die tut alles für mich, ich tu‘ alles für sie. Ja, das ist einfach ein ganz besonderes Verhältnis.“


Licht und Schatten lagen eng zusammen


so titelt das Oberbayerische Volksblatt nach den Bayerischen Meisterschaften 2018. Dainty hat eine Knieverletzung und muss schließlich sogar operiert werden. Aus scheint der Traum von der Titelverteidigung.

Da erreicht Julia die Nachricht, dass man ihr ein Pferd zur Verfügung stellen möchte. Beim 5. Lienenberger Pferdeforum berichteten Britta Bandow, Equipe-Chefin der deutschen Para-Reiter und Steffen Zeibig über den Mangel an qualitätsvollen Pferden im Para-Sport. Darauf beschließt die Berliner Züchterin Anke Strohscheer, dass sie den Para-Sport unterstützen und ihren Oldenburger Wallach Bruno zur Verfügung stellen möchte. Etwas nervös ist Julia beim ersten Probereiten schon, doch mit seinem ruhigen und ausgeglichenen Charakter kann der sympathische Fuchs ihre Sorgen schnell zerstreuen. Gut zwei Monate bleiben dem Paar zu diesem Zeitpunkt noch, um sich auf die Bayerischen Meisterschafen vorzubereiten. Für die Titelverteidigung reicht es dann leider nicht, aber der Grundstein für die gemeinsame sportliche Zukunft ist gelegt.

„Bruno macht aus, dass der mittlerweile unglaublich gut auf mich aufpasst. Rolf [Grebe], also unser Co-Bundestrainer hat mal gesagt: ‘Der hat bei Anderen 300 Volt und dann steig‘ ich auf und dann sind es nur noch 10.‘“

Julia sieht es als „Wahnsinns-Chance“ ein Pferd wie Bruno reiten zu dürfen und ist seiner Besitzerin für ihr Vertrauen unendlich dankbar. Dainty hat sich von ihrer Knieverletzung zwar sehr gut erholt, aber im großen, internationalen Sport setzt Julia jetzt in erster Linie auf „den Großen“.



Nicht ohne meinen Orthopädie-Techniker!

Die passenden Hilfsmittel zu finden ist nicht immer einfach und selten gibt es sie direkt im nächsten Reitsportgeschäft zu kaufen.

Was das angeht kann Julia von Anfang an auf ihren Orthopädie-Techniker Pohlig zählen: Gemeinsam entwickeln sie so z.B. die Gerten-Halter für ihre Hände.

„Ich hab zwei Gerten, also an jeder Hand eine, die ich auch nicht in der Hand halte, sondern die mit so einer Art Handschuh an meinem Handrücken befestigt sind. Meine Hände sind nicht so wahnsinnig groß und wenn ich da Gerten und Zügel zusammen festhalten muss, dann kann ich eigentlich drauf warten, dass ich was verliere.“

Auch ihren ersten Sattel lässt sie bei Pohlig auf ihre Bedürfnisse anpassen als kein Sattler an ihren Wintec Hand anlegen will. Inzwischen kann sie aber beim Thema Sattel voll und ganz auf die Expertise der Maßsattlerei Hennig setzten. Der speziell für sie angefertigte Sattel hat extra Pauschen für ihre Oberschenkel und spezielle Haltegurte, die dafür sorgen, dass Julia auch im Trab und Galopp nicht so leicht aus dem Sattel rutscht.



„An den Zügeln habe ich so Schlaufen, damit ich die Zügel einfach besser greifen kann und die mir nicht einfach so aus der Hand rutschen, und […] ich hab halt nicht so viel Kraft und dann ist es für mich schon schwierig den Zügel richtig festzuhalten, dass der mir nicht durchrutscht und dafür habe ich halt dann die Schlaufen.“

Die Zügel mit den aufgesetzten Schlaufen sind eine Handanfertigung von Nora Kristina Hamann, die sich unter anderem auf die Fertigung von individuellen Zügeln spezialisiert hat.



Hinfallen, Aufstehen, Weitermachen

Auf Grund der Corona-Pandemie muss auch Julia bei der Turnierplanung dieses Jahr umdenken. Eigentlich wollte sie dieses Jahr wieder so richtig angreifen, jetzt ist unklar was überhaupt möglich sein wird.

„Ich würde eigentlich wahnsinnig gern auf der Deutschen Meisterschaft starten und ich hätte gern mit dem Bruno dieses Jahr so drei bis vier internationale Turniere mitgenommen. Ob das jetzt so funktioniert, weiß ich nicht. Ich kann’s mir irgendwie nicht so vorstellen, aber sonst halt nächste Saison. Und mit dem Pony möchte ich dieses Jahr oder halt nächstes Jahr, aber da habe ich ein bisschen mehr Hoffnung, dass das dieses Jahr was wird, die ein oder andere L-Dressur gehen. Mal schauen.“

Genau, mal schauen. Ihre Ziele aus den Augen verlieren wird Julia auf jeden Fall nicht, denn die junge Frau mit den wilden Locken ist eine Kämpfernatur durch und durch.


Julia auf Instagram: @julia.porzelt Julia auf Facebook: Lettenhofs Lovely Daintiness und Bruno Julia auf YouTube: Julia Porzelt

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