Der 3. April 2017

Aktualisiert: 11. Dez 2020


Ein Erfahrungsbericht von Lisa Leuchtenberger

An diesen Tag erinnere ich mich noch heute ganz genau, denn er hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt.

Zwei Wochen zuvor hatte ich einige Tage im Krankenhaus gelegen, weil meine Lymphkonten am Hals plötzlich angeschwollen waren und mir das Atmen erschwerten. Nach einem Besuch bei meiner Hausärztin hatte sie mich besorgt nach Hause geschickt mit der Anweisung, sofort in die Notaufnahme zu fahren, sollte ich mich schlechter fühlen – was am Abend dann der Fall war. Nach vielen verschiedenen Untersuchungen durch gefühlt alle Stationen des Krankenhauses wurde festgestellt, dass nicht nur die Lymphknoten in meinem Hals betroffen waren, sondern überall in meinem Körper. Es wurde entschieden mir einige dieser Lymphknoten zu entfernen, um genauer zu schauen, was da los ist. So hatte ich mir meine ersten Semesterferien nicht vorgestellt.



Am 3. April war dann der Termin zur Besprechung der Befunde. Ich hatte mich entschieden allein hinzufahren. Schon als ich das Büro der Ärztin betrat konnte ich ihrem Gesicht ansehen, dass ich mich nicht umsonst auf schlechte Nachrichten vorbereitet hatte. Der Verdacht, nun eine bestätigte Diagnose:


Lymphdrüsenkrebs, ein sogenanntes „Hodgkin-Lymphom“ im fortgeschrittenen Stadium.


Ich nahm das ganze Gespräch sehr ruhig auf, stellte einige Fragen, bekam einige Broschüren und wurde über das weitere Prozedere aufgeklärt, fuhr nach Hause, wartete bis meine Eltern von der Arbeit kamen, setzte mich mit ihnen an den Esstisch und sagte gerade heraus: „Wir hatten Recht, es ist Krebs. Das nächste Semester ist wohl gelaufen.“ Und dann brach ich in Tränen aus.

Es war einer dieser Momente, wo einem die lächerlichsten Fragen durch den Kopf gehen: Was mach ich denn jetzt mit den kommenden Prüfungen? Kann ich trotzdem am Wochenende noch zum Pferd und reiten? Ob wir wohl mit einer Tour hinkommen, um alle meine Sachen aus der Wohnung zu holen? Dann ging alles recht schnell: Termine beim Kardiologen, beim Lungenfacharzt, die Suche nach einem Onkologen, der PET-Scan, das Einsetzen eines Portkatheters. Parallel alles mit dem Studium regeln, welches ich ein halbes Jahr zuvor 300km von Zuhause entfernt angefangen hatte. Urlaubssemester beantragen, meine Sachen aus meiner Wohnung holen – und das Schwerste von allem: Das Überbringen der Neuigkeiten an Familie und Freunde.



Ich bin sehr froh und bis heute unendlich dankbar dafür, wie viel Unterstützung ich durch mein Umfeld erfahren habe. Ganz egal ob man sich erst ein paar Monate oder bereits seit Jahren kannte. Und genauso dankbar bin ich, dass ich einen super Onkologen mit einem wahnsinnig lieben, fürsorglich Praxisteam gefunden habe, die mich durch diese Zeit durchgebracht haben. Eine der ersten Fragen, die ich meinem Arzt gestellt habe, war: „Kann ich trotzdem reiten gehen?“ Als er meinte, dass ich dafür wahrscheinlich die meiste Zeit zu schwach sein werde und die Infektionsgefahr zu hoch sei, habe ich mir nur gedacht: Das ist mir egal.

Ich musste bereits mein „neues Leben“, meine Selbständigkeit, mein Studium und meine neuen Freunde auf Eis legen. Da würde ich sicher nicht auch noch auf mein Pferd verzichten! Ich hatte Hummel zu dem Zeitpunkt bereits seit 5 Jahren als Reitbeteiligung. Trotz der Distanz zum neuen Wohnort habe ich es einfach nicht übers Herz gebracht, sie wieder abzugeben und bin alle zwei Wochen für sie in die Heimat gefahren.



Mein Arzt und ich haben dann die Vereinbarung getroffen, dass wir den ersten der sechs Chemotherapie-Zyklen abwarten und dann schauen wie es mir geht und wie meine Blutwerte sind. Sollte dann alles soweit in Ordnung sein dürfte ich in den Stall fahren, wenn ich ihm verspreche es langsam angehen zu lassen. Und im Nachhinein muss ich sagen:


Das hat mich gerettet!


Die kommenden Wochen waren schlimm: Mir ging es zum Teil so schlecht, dass ich mich tagelang kaum bewegen konnte und nur geschlafen oder mich übergeben habe. Sobald ich aber halbwegs fit genug war habe ich meine Mama gebeten mit mir in den Stall zu fahren. Ganz egal ob ich sogar einen kleinen Schrittausritt machen konnte, nur ein bisschen geputzt und geschmust habe oder auch einfach nur irgendwo auf einem Stuhl gesessen und die Umgebung in mich aufgenommen habe – nichts hat mir besser getan. Meine Freunde aus dem Stall haben sich alle rührend um mich gekümmert, mich aufgeheitert, mir Gesellschaft geleistet wenn meine Mutter sich um ihre Reitbeteiligung gekümmert hat, sind mit ihren Pferden vorbeigekommen, damit ich sie ein bisschen streicheln konnte, haben Hummel für mich von der Weide oder aus der Box geholt und im Anschluss wieder weggebracht. Ich muss sagen, als ich nach den ersten Chemo-Tagen das Erste Mal wieder in den Stall gefahren bin, hatte ich ein bisschen Angst, dass Hummel mich meiden könnte. Man riecht so sehr nach den ganzen Medikamenten, dass ich es selbst kaum aushalten konnte. Man liest ja auch immer wieder, dass kranke Menschen anders für die Tiere riechen und die eigentlich bekannte Person nicht mehr erkennen, sie sogar meiden. Verunsichert sind und sich bedroht oder verängstigt fühlen. Dementsprechend war ich sehr vorsichtig als ich Hummel an dem Tag begrüßt und ihr meine Hand zum Beschnuppern hingehalten habe. Meine Sorgen waren zum Glück unberechtigt, sie suchte ganz normal nach einem Leckerli und schnuffelte mit ihrer Nase meine Haare wie immer.


Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen!


Es war Wahnsinn im Laufe der Therapie zu beobachten, wie sensibel Tiere doch sind. Jedes Pferd war bei mir um einiges ruhiger und vorsichtiger, als es sonst gewesen ist. Keines hat am Strick gezerrt oder frech an der Jacke gezuppelt, um Leckerlies zu fordern. Allen voran meine kleine Hummel. An dem ersten Tag, an dem ich im Stall war, nachdem meine Haare begannen auszufallen und ich sie mir abrasiert habe, hat Hummel interessiert meinen Kopf beschnüffelt, mich an die Wange gestupst und dann ganz normal und selbstverständlich nach dem Apfel in meiner Hand gesucht – etwas, was mir unendlich gutgetan hat! Das Verlieren der Haare war psychisch gesehen eine der größten Hürden, die die Erkrankung mit sich gebracht hat. Jeder schaut einen anders an als vorher, war ich doch jetzt für alle offensichtlich krank. Ganz zu schweigen von den Problemen, die ich selbst am Anfang damit hatte.


Hummel war quasi die Einzige, die mich ganz „normal“ behandelt hat.


Genau das war einer der Gründe, warum ich mich auf Dianas Aufruf damals gemeldet habe. Ich wollte zeigen, dass ich trotz der Krankheit, trotz der Narben und trotz der Glatze noch ganz normal war. Einfach ein Pferdemädchen und ihr Pferd. Ich wollte mich nicht verstecken. Ich bin nach kurzer Gewöhnung sehr gut damit zurechtgekommen keine Haare mehr zu haben und sehr offen mit meiner Erkrankung umgegangen. Ich kann gar nicht beschreiben wie aufgeregt ich war, als ich die Zusage bekam, dass ich am Projekt tatsächlich mitwirken durfte!


Die Bilder sind ein Traum. Sie haben etwas „Rohes“, Echtes. Diana hat mit den Fotos nichts beschönigt, keine „traumhafte Märchenstimmung“ geschaffen, sondern einfach gezeigt, dass es eben nicht immer perfekt läuft im Leben und nicht immer alles gut ist – denn das war es einfach nicht. Obwohl ich das Gefühl habe, dass ich diese Zeit gut durchgestanden habe, muss ich einfach sagen: Es war schlimm. Mir ging es schlecht. Es war die schlimmste Erfahrung, die ich bisher machen musste und ich wünsche niemandem, dass er etwas Ähnliches erleben muss. Aber das ist okay. Nicht nur, weil es nicht zu ändern war, sondern einfach, weil schlechte Dinge passieren und in dem Fall hat es eben mich getroffen. Das ist in Ordnung so. Und genau das sehe ich, wenn ich mir die Bilder von dem Tag mit Diana anschaue – ich sehe ein Mädchen, dass zwar krank ist, aber was trotzdem glücklich ist, weil es bei ihrem Pferd ist. Es geht ihr gut, auch wenn es ihr nicht gut geht.


Heute, drei Jahre später, bin ich wieder gesund, wieder zurück im Studium und wieder weg von Zuhause. Leider habe ich mich inzwischen doch schweren Herzens dazu entschieden, Hummel als Reitbeteiligung aufzugeben. Weder mir noch ihr habe ich mit dem ganzen Hin- und Herpendeln einen Gefallen getan. Wenn ich meine Eltern besuchen fahre bringe ich ihr aber jedes Mal einen Apfel vorbei und hole mir eine Kuscheleinheit ab. Ich bin einfach froh, dass ich in der schlimmen Zeit diese kleinen Seelenkuren im Stall machen konnte, sonst wäre mir komplett die Decke auf den Kopf gefallen! Die Fotos werden mich immer daran erinnern, dass es auch in schlechten Zeiten positive Dinge gibt, über die man sich freuen kann, selbst wenn es nur ein paar Minuten Auszeit und eine warme Nase sind.

Morbus Hodgkin Morbus Hodgkin ist eine eher seltene Krebserkrankung des lymphatischen Systems. Dabei entarten die B-Lymphozyten, eine Unterart der weißen Blutkörperchen und beginnen sich unkontrolliert zu vermehren. Dieser Zell-Überschuß sammelt sich zunächst in den Lymphknoten, die daraufhin anschwellen. Es bildet sich ein sogenanntes malignes Lymphom (bösartige Lymphknotengeschwulst). Vereinfacht wird deshalb auch häufig von Lymphdrüsenkrebs gesprochen. Am Hals fallen angeschwollene Lymphknoten meist am schnellsten auf. Da das lymphatische System aber kein einzelnes Organ ist, kann Morbus Hodgkin – auch unabhängig von einem Lymphknoten – überall im Körper auftreten. Der Schweregrad, also das Stadium der Erkrankung wird deshalb auch danach beurteilt, welche und wie viele Bereiche des Körpers betroffen sind. Inzwischen kann Morbus Hodgkin glücklicherweise durch Chemotherapie und Bestrahlung sehr gut behandelt werden. Früh erkannt kann die Krebserkrankung in über 90% der Fälle geheilt werden. Unbehandelt verläuft Lymphdrüsenkrebs jedoch meist tödlich.

Über die Autorin: Lisa Leuchtenberger, 22, Studentin (Tiermedizin) und natürlich Pferdemädchen durch und durch.

Lisa auf Instagram: @lisaleuchti


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