Träum weiter!

Aktualisiert: März 28

Gianna Regenbrecht: Dressurreiten mit Querschnittlähmung


„Ey, jetzt kannst du bei den Parareitern mitreiten!“, meint eine Freundin schon im Krankenhaus zu Gianna Regenbrecht. Diese lacht und antwortet: „Naja, schauen wir mal.“

Heute, sechs Jahre später ist die Medizinstudentin aus Münster im Bundesnachwuchskader der deutschen Para-Dressurreiter und amtierende deutsche Vizemeisterin in ihrer Wettkampfklasse.



Bei einem Reitunfall 2014 bricht sich die damals 20-jährige den zweiten Lendenwirbel und durchtrennt große Teile des Rückenmarks. Seitdem ist sie inkomplett querschnittgelähmt und im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen. Nur wenige Muskeln in den Beinen kann sie noch ansteuern.


„Das ist aber auch unterschiedlich von Bein zu Bein. Das rechte Bein ist definitiv stärker als das Linke. Und deswegen kann ich auch besser rechtsrum reiten, weil ich so die ganze Kette: Hüfte, Bein, besser halten kann und deswegen dem Pferd sozusagen mehr Stütze geben kann in einer Rechtswendung. Und in der Linkswendung kippt die Selma mir immer ein bisschen so rein […] das liegt einfach daran, dass ich auch die linke Arschbacke nicht richtig anspannen kann, und deswegen muss ich mir hier und da ein bisschen mit ein paar Tricks zu helfen wissen und das Pferd eben ein bisschen anders reiten.“


Und dieses „anders reiten“ klappt mit Stute Selma inzwischen sehr, sehr gut. Das meiste regelt Gianna dabei über den Sitz. Etwas das auch für jeden anderen Reiter gelten sollte, ist für sie ein Muss:


„Mitschwingen ist das A und O. […] Also, wenn ich antrabe zum Beispiel, dann ist das immer so: Erstmal denken, dann Schambein anheben und dann trabt Selma auch schon los. Mehr ist das nicht.“

Inkomplette Querschnittslähmung

Während bei einer kompletten Querschnittlähmung die Nervenbahnen im Rücken komplett durchtrennt sind und der Betroffene z.B. seine Beine weder bewegen noch spüren kann, ist das bei einer inkompletten Querschnittlähmung nicht so: Hier ist das Rückenmark nur zum Teil durchtrennt und einige Nervenbahnen also erhalten. Je nach Schwere der Verletzung kann der Betroffene seine Beine dann noch mehr oder weniger gut bewegen und/oder spüren.




#lockerausderhüfte


Diese feine Hilfengebung und das dafür nötige Körpergefühl hat Gianna sich hart erarbeitet. Der Weg zurück in den Sattel führte erst über die Hippotherapie und dann zusammen mit ihrer Trainerin Claudia Lange und dem Norwegerwallach Hero langsam zurück in den Sport. Von Anfang an arbeitet sie mit Gianna nach der sogenannten Alexander-Technik: Eine pädagogische Methode, die lehrt Gewohnheiten, besonders Fehlhaltung bewusst wahrzunehmen und zu ändern. Ähnlich wie bei der Feldenkrais Methode lernt man seinen Körper ganz neu zu koordinieren und kleinste Veränderungen zu spüren.

Das Bewegungstraining nach Eckhart Meyners mit dem Balimo gibt ihr schließlich noch die Möglichkeit auch fernab vom Sattel an Rumpf- und Hüftstabilität zu arbeiten.





Wo Training allein nicht reicht, da kommen dann die sogenannten „kompensatorischen Hilfsmittel“ ins Spiel: So sorgen zwei Gurte mit Klett für den nötigen Halt im Sattel. Als Schenkel-Ersatz dienen zwei Gerten. Spezielle Bügel erlauben ein Fixieren der Füße mit Hilfe von Gummibändern, wobei der Steigbügelriemen auch nochmal am Gurt befestigt ist. Kein Hilfsmittel per se, aber eine wichtige Sicherheitsmaßnahme sind die SwissClips. Diese Steigbügelclips trennen nämlich im Falle eines Sturzes den Reiter samt Bügel vom Pferd!





Für die Teilnahme an Turnieren müssen all diese Hilfsmittel im sogenannten Sportgesundheitspass eingetragen sein. In diesem Pass ist auch die entsprechende Wettkampfklasse (engl. Grade) vermerkt in welcher der Athlet bei Para-Turnieren starten darf.

Vergleichbare Einschränkungen sollen zu vergleichbaren Leistungen führen

Insgesamt gibt es im Para-Dressursport fünf Grades. Im Grade V reiten die Athleten mit den geringsten, im Grade I, die Athleten mit den größten Einschränkungen. Während im Grade V noch Leistungen auf L-M Niveau abgefragt werden und bis auf Piaffe und Passage fast alle Lektionen in der Kür erlaubt sind, reiten Athleten im Grade I ihre Prüfungen ausschließlich im Schritt.

Die Klassifizierung (Einordnung in eine Wettkampfklasse/Grade) wird von speziell geschulten Fachkräften gemacht. Diese sehen sich ganz genau an und prüfen, wo und wie sehr das entsprechende Handicap den Athleten beim Reiten einschränkt. Denn nicht jede Behinderung, welche eine Einschränkung im Alltag bedeutet, muss auch eine Einschränkung beim Reiten sein.

Gianna startet national wie international im Grade II. Ihre Prüfungen bestehen aus Schritt- und Trabsequenzen.



#superselma


„Also Selma ist auf jeden Fall: Wach! Ich hab schon häufiger gehört: Ach, so‘n Para-Pferd, so‘n lieber Zuckel! – Mhh…, ja, wäre schön, Selma ist aber schon ein heißer Feger. Da ist schon richtig Dampf drin.“



Selma Stromberg, eine Soliman de Hus – Tochter löst 2017 den Norweger Hero ab. Die hübsche Dunkelfuchsstute ist Giannas erstes eigenes Pferd. Ein kleines Wagnis, denn Selma ist damals erst 6 Jahre alt, angeritten und nach einer längeren Verletzungspause gerade wieder angeschoben. Schon vor ihrem Unfall hatte Gianna immer großen Spaß an der Arbeit mit Jungpferden und so geht sie zusammen mit Claudia Lange und Gisa Lehmann das Projekt Para-Pferd an.


„Ich hab‘ schon immer gerne junge Pferde ausgebildet und auch jetzt in dieser Situation das Pferd wirklich so an den Sport ran zu führen, auszubilden, die Entwicklung mitzuerleben, das war schon richtig cool. Selma ist auf jeden Fall ein Pferd, was sich gerne weiterentwickelt, sie ist wirklich sehr, sehr schlau. Manchmal auch ein bisschen im vorauseilenden Gehorsam. Ich muss die schon mit Köpfchen reiten, so einfach nach Schema F ist gar nicht drin.“




Selma achtet sehr auf ihre Reiterin, egal ob diese gerade im Sattel auf oder im Rollstuhl neben ihr sitzt. Von ganz allein senkt sie beim Halftern oder Trensen für Gianna den Kopf und geht wie selbstverständlich neben ihr her, wenn diese sie im Rollstuhl über den Hof führt. Alles Dinge, die Gianna eine große Selbstständigkeit im Stallalltag ermöglichen.


„Das sind diese Kleinigkeiten, dass ich mich für dieses junge, noch nicht so weit ausgebildete Pferd entschieden habe und gesagt habe: Ich möchte das probieren und ich glaube mit diesem Pferd funktioniert das. […] Die ist so klar im Kopf und hat das verstanden. Mit der kann ich diese Partnerschaft eingehen.“


Und dass es eine Partnerschaft, ein echtes Miteinander ist, darauf legt Gianna sehr viel wert – nicht ohne Grund:


„Ich bin darauf angewiesen, dass das Pferd wirklich gerne mit mir zusammenarbeitet, dass das Pferd auch Vertrauen zu mir hat und ich finde gerade Sachen wie selber fertig machen und in Ruhe putzen einfach unheimlich wichtig. […] gerade im Para Sport: Ohne ein Pferd, was man so auf seiner Seite hat und wo man wirklich auch so ein Miteinander hat – geht nicht! Es geht einfach nicht. Mit Kraft und Gewalt und Hauruck funktioniert‘s nicht.“



#träumweiter


Ziele zu formulieren findet Gianna manchmal schwierig, doch sie wagt es zu träumen. Schon als sie nach ihrem Unfall noch im Krankenhaus liegt hat sie einen Traum, welcher nun Wirklichkeit geworden ist: Sie und Selma sind in den Bundesnachwuchskader der deutschen Para-Dressurreiter berufen worden.

Und die junge Frau mit dem ansteckenden Lächeln wird weiter träumen, weiter alles ausprobieren und weiter ihre Grenzen testen.


„Ich bin selbstbewusst im Rollstuhl, weil ich mich nicht über den Rollstuhl definiere, sondern eben über das, was ich mache und was ich bin. Und das ist glaub ich dann das, was ich gerne auch Leuten, die vielleicht frisch in so einer Situation sind mit an die Hand geben möchte: Probiert das einfach aus, testet eure Grenzen aus und dann werdet ihr auch sicher.“







Gianna auf Instagram: @gianna.regenbrecht Gianna auf Facebook: Lauf Gianna, lauf


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