Wonderwoman on Horseback

Elinor Switzer: Ein waschechtes Cowgirl mit SLE


Rot und blau leuchtet der Neonschriftzug über dem Einritt in die große Arena der Oklahoma City Fairgrounds. In wenigen Augenblicken wird die Stuttgarterin Elinor Switzer durch das „Gateway of Champions“ reiten. Noch schallt ihr jedoch das Star Spangled Banner entgegen. Die Nationalhymne der USA wird hier zu Beginn jeder Prüfung gespielt, so auch jetzt vor dem anstehenden Para-Reining Wettbewerb bei der AQHA World Show 2014. Auch wenn Elinor heute Deutschland vertritt, ist es als gebürtige Amerikanerin für sie ein bewegender Moment.


„Also da geht einem schon wirklich die Pumpe. […] Ich war vorher nur Schritt-Trab-Klassen geritten und bin da dann zum ersten Mal in meinem Leben eine Reining geritten mit fliegenden Wechseln und allem. Ich muss allerdings sagen, dass meine Stopps katastrophal waren, weil ich einfach keine Erfahrung hatte, wie man ein Reining-Pferd zu einem Stopp reitet“



Am Tag zuvor hatte Elinor nur eine halbe Stunde Zeit sich mit dem braunen Wallach Little Dual Dunnit bekannt zu machen. Zuhause in Stuttgart hatte sie sich mit Hilfe ihrer neuen Trainerin Yvonne Rothenberger und deren Stute Dark Pearls Kelowna intensiv vorbereitet. Hier in den USA stand ihr nun Trainer Shane Brown zur Seite, dessen Klient Marc Jenkins den Wallach für den Wettbewerb zur Verfügung stellte.


„Hut ab vor diesem Reining-Pferd! Das war einfach so gut ausgebildet, dass man da einen unerfahrenen Reiter draufsetzen kann, der - und ich bin sicher, das Pferd wusste ziemlich schnell, dass meine linke Seite meine schlechte Seite ist - trotzdem mitgemacht hat.“


Nach ihrem Ritt in der großen Arena gab es für Elinor kein Halten mehr und auch kein Zurück. Denn mit dem ersten Start in einer Prüfung mit Galopp verliert man als Para-Westernreiter automatisch die Startberechtigung für alle Schritt-Trab-Klassen. In Deutschland ist sie damit auf einen Schlag konkurrenzlos, denn bis dato gab es nur sehr wenige deutsche Para-Westernreiter, die es sich zutrauten, Galoppklassen zu starten bzw. bereit waren ihre Startberechtigung in Schritt-Trab-Klassen aufzugeben.


Elinor Switzer mit Little Dual Dunnit bei der AQHA World Show 2014

Para-Reining und -Westernreiten

Vorbild für das Para-Westernreiten in Deutschland ist das in den USA von der AQHA Equestrians with Disabilities (EWD) Arbeitsgruppe entwickelte Wettbewerbsformat, welches die Westernreitdisziplinen Showmanship, Trail, Western Hosemanship, Western-Pleasure und Para-Reining umfasst. Je nach Einschränkung werden Prüfungen nur im Schritt, im Schritt und Trab, oder in allen Gangarten geritten. Voraussetzung für die Teilnahme an Para-Westernprüfungen in Deutschland ist, wie in allen anderen Para-Reitsportdisziplinen auch, der Sportgesundheitspass. Para-Westernreiter werden dabei nach dem gleichen System klassifiziert wie Para-Dressurreiter und einem von fünf Grades zugeordnet (dem Grade I werden die Reiter mit den stärksten, und dem Grade V die Reiter mit den geringsten körperlichen Einschränkungen zugeordnet). Para-Reining Wettbewerbe richten sich nach dem Regelwerk der World Para Reining (WPR). Anders als in der Para-Dressur gibt es im Para-Reining nur vier statt fünf Wettkampfklassen: Reiter starten in ihrem im Sportgesundheitspass festgelegten oder dem nächsthöheren Grade. WPR Grade 1 Startberechtigt sind Reiter des Grade 1 und 2 (ehemals 1a und 1b). Es werden nur Schritt-Pattern geritten.

WPR Grade 2 Startberechtigt sind Reiter des Grade 2 und 3 (ehemals 1b und 2). Es werden Trab-Pattern geritten.

WPR Grade 3 Startberechtigt sind Reiter des Grade 3 und 4 (ehemals 2 und 3). Es werden modifizierte Galopp-Pattern geritten.

WPR Grade 4 Startberechtigt sind Reiter des Grade 4 und 5 (ehemals 3 und 4). Es werden reguläre Galopp-Pattern (AQHA/NRHA Pattern 1-13) geritten und der Reiter muss einhändig reiten. Kompensatorische Hilfsmittel sind in allen Grades erlaubt, sowie das Festhalten am Sattelhorn oder anderen Ausrüstungsgegenständen. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten.

Vom Schlag getroffen


Auch für Elinor war es ein weiter Weg, bis sie sich einer Prüfung wie der in Oklahoma City gewachsen fühlte. Bereits seit dem Studium begleitet sie eine allgemeine Muskelschwäche, doch der eigentliche Schicksalsschlag ereilt sie mit 25.


„So der große Knall kam als ich dann einen sehr schweren Schlaganfall hatte, sehr plötzlich.

Und das ist auch das, was dazu geführt hat, dass ich mein Leben komplett auf den Kopf stellen musste. Ich war erstmal im Rollstuhl und musste wieder laufen lernen. […] es gab so vieles, was ich nicht mehr konnte. Ich konnte nicht mehr rennen, nicht mehr Fahrrad fahren und irgendwie habe ich da gemerkt, dass mir das Reiten wirklich fehlt. […] Ich bin als Jugendliche im normalen Reitunterricht in einer Reitschule gewesen, habe aber nach dem Schlaganfall beschlossen, dass wohl Westernreiten für mich das Richtige wäre.“



Elinor ist nach dem Schlaganfall links sehr stark eingeschränkt, hat Koordinationsschwierigkeiten und Gleichgewichtsprobleme. Bis heute ist ihr linker Arm eine ihrer größten Schwachstellen und so dachte sie lange, dass sie nur einhändig reiten können würde.


„Da bot sich dann natürlich die einhändige Westernreitweise an, die sich ja aus der Arbeit der Cowboys entwickelt hat. Mittlerweile reite ich durchaus auch zweihändig, aber ich muss immer ein bisschen aufpassen, dass der linke Arm nicht so viel Bewegung hat und ich dem Pferd dann nicht im Maul rumzupple. Also, es ist immer noch deutlich sichtbar, dass ich da eine Einschränkung habe, aber es ist im Vergleich zu nach der Zeit direkt nach dem Schlaganfall natürlich jetzt deutlich besser.“


Auch die Sicherheit, die ihr der Westernsattel mit den breiten Steigbügelriemen, genannt „Fender“, bietet möchte Elinor nicht missen. Das einzige kompensatorische Hilfsmittel, welches Elinor nutzt ist ein Einweckgummi, mit dem sie ihren linken Fuß im Bügel fixiert.


„Ich trage das Gummi, damit ich meine Aufgaben, die ich reiten will, auch durchziehen kann. […] Da muss man sich keine Sorgen machen, das ist dünn genug, dass es auch reißt im Zweifelsfall. Das ist mir ehrlich gesagt auch schon beim Training gerissen ohne, dass ich runtergefallen bin. Und ich war hinterher eigentlich ganz stolz, dass ich die Galoppaufgaben auch ohne Gummi alle zu Ende geritten war.“




Zwischen Spins, Stopps und Arztterminen


Während Elinor seit 2008 diverse Lehrgänge und Trainings für Westernreiter mit Behinderung organisiert, mit Steffi Luthardt, Birk Frerichs und weiteren den Verein ParaWesternReiter e.V. gründet, zur vorläufigen Repräsentantin für Para-Reining beim DOKR benannt wird und schließlich mit der deutschen Para-Reining-Mannschaft 2018 in Lyon die Goldmedaille bei den Weltmeisterschaften holt, stellen sich bei ihr immer mehr gesundheitliche Probleme ein. Auch der Grund für ihren Schlaganfall war nie ganz klar, etwas, dass sie nie losließ. Gut zwei Jahrzehnte voller Arzttermine brauchte es, bis sie schließlich eine Antwort bekam:


„Ich habe dann endlich die Diagnose ‚Systemischer Lupus Erythematodes‘ gekriegt, was wohl auch den Schlaganfall und diverse andere Probleme erklärt. Das hat sehr viel Eigeninitiative und Kontaktsuche zu Experten von meiner Seite gebraucht und war etwas, was mein Leben leider ziemlich stark geprägt hat“


Systemischer Lupus Erythematodes

Lupus Erythematodes gehört zu den entzündlichen Autoimmunkrankheiten. Das Immunsystem der Betroffenen arbeitet fehlerhaft und richtet sich in Schüben immer wieder gegen den eigenen Körper. Der Systemische Lupus Erythematodes (SLE) bildet dabei eine Unterart der Erkrankung und kann alle Organe betreffen. Aus diesem Grund sind die Symptome bei SLE höchst unterschiedlich und können sich mit der Zeit auch ändern. Am häufigsten sind jedoch rheumatische Beschwerden (Gelenksentzündungen) und Schwächen der Muskulatur. Rötungen der Haut, besonders auf Wangen und Nasenrücken sind ebenfalls typisch, weshalb SLE auch den Beinamen „Schmetterlingskrankheit“ trägt. Besonders gefährlich ist die schmerzlose Nierenentzündung (Lupusnephritis), die zu einer erheblichen Einschränkung der Nierenfunktion führen und im Spätstadium eine Dialyse unumgänglich machen kann. Auch mit Migräne, Depressionen und einem erhöhten Schlaganfall-Risiko wird SLE in Verbindung gebracht.

Das Land, nein - Die Frau (!) der unbegrenzten Möglichkeiten


Ihren Spitznamen Wonderwoman on Horseback verdankt Elinor der Amerikanerin Mary H Hopkins, die sich bis zu ihrem Tod 2020 in den USA sehr für Jugendliche und Reiter mit Behinderungen einsetzte. Miss Mary war für Elinor ein großes Vorbild und zeigte ihr, was für Menschen mit Behinderung im Westernreitsport alles möglich ist und noch sein kann.


„Ich habe dann gesagt, ‚Das müssen wir in Deutschland auch machen‘ und seither bin ich da schon die treibende Kraft. […] Ich suche halt immer Wege, um etwas zu erreichen, was mir und anderen Freude macht und Aufgeben ist für mich einfach keine Option. […] ich bin jemand, der sich auch immer auf persönlicher Ebene für andere einsetzt, und da gerne Ratschläge gebe, wie man vielleicht einen Trainer findet oder ein Pferd, oder was auch immer. Also, da bin ich jederzeit für offen. Ich freu mich über jeden, der da vielleicht neu einsteigen oder vielleicht auch wiedereinsteigen will.“


Miss Mary hat Elinor in ihrem Handeln immer bestärkt und so hat Elinor vor allem das Para-Reining in Deutschland schon recht weit vorangetrieben und viele persönliche Ziele erreicht. Eines steht jedoch noch aus: Zu Ehren von Miss Mary eine Freestyle Reining als Wonderwoman reiten.


E-Mail

elinor.switzer@yahoo.com


Facebook

https://www.facebook.com/elinor.switzer

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